hfk plakat 1.entwurf 8-2014Totenkopf und Tattoo
Dominique von Burg
Neue Zürcher Zeitung

«Wie ich gestorben bin? Ich bin ausgerutscht und gestürzt. Ich habe mir immer so einen Tod vorgestellt.» So beschreibt der Pfarrer der Giudecca in Venedig den eigenen Tod als fiktive Vergangenheit, was den Betrachtenden zunächst irritiert. Der Pfarrer ist einer von 36 Venezianern, die sich in der Videoinstallation «Tutti Veneziani» von 1999 (Biennale von Venedig) des Künstlerpaars Mauricio Dias (geb. 1964, Rio de Janeiro) und Walter Riedweg (geb. 1955, Luzern) zu ihrem eigenen Tode äussern. Wird hier ein imaginärer Totentanz inszeniert, tritt uns in der schwarz-weissen Fotoserie aus der Werkgruppe Katakomben, Palermo, 1963, von Peter Hujar (geb. 1934) die reale, mächtige, schnörkellose Präsenz von Mumien entgegen. Dagegen ist John Armleders raumdominante Wandmalerei mit stilisierten Totenköpfen, 2002/14, der christlichen Symbolik entkleidet, zu einem dekorativen, popartigen Element transformiert.

In den Räumen des Hauses für Kunst Uri entfaltet sich eine ungeheuer breitgefächerte Palette von Todes- und Jenseitsvorstellungen mit Werken zahlreicher Kulturschaffender aus fünf Jahrhunderten. Ausgehend vom traditionellen Innerschweizer Umfeld, was dem Ort selber geschuldet ist, führt der Rundgang von Reliquiaren, Amuletten über ein Krüllbild, einen Käslin-Altar und einen Schwurschädel bis zu zeitgenössischen Werken auch international wirkender Kunstschaffender, die von der Auseinandersetzung mit den letzten Dingen der Welt zeugen.

Neben den vielfältigen Emblemen der Endlichkeit und Sterblichkeit, die von der Adoration bis zur Blasphemie reichen, sorgt das lebendige menschliche Kunstwerk «TIM» für eine erhebliche Provokation. Während der Ausstellungseröffnung präsentierte der Schweizer Tim Steiner seinen vollständig tätowierten Rücken mit Totenschädel und Madonna, den er 2008 für 150 000 Euro an den deutschen Kunstsammler Rik Reinking verkaufte, nachdem der belgische Künstler Wim Delvoye (geb. 1965) das Tattoo entworfen und Matt Powers es ausgeführt hatte. Für diese Summe hat sich Steiner verpflichtet, das Kunstwerk jährlich für einige Wochen zu präsentieren, und nach seinem Tode wird die Hautpartie dem Käufer oder dessen Erben übergeben. Während von Reliquien oder anderen religiösen Artefakten innerhalb eines verbindlichen religiösen Systems eine magische, heilende Kraft erwartet wird, gerät der «verkaufte» Rücken von Tim Steiner auf die Stufe blosser Tauschware und bildet so eine prägnante Metapher für die alles verobjektivierende und vereinnahmende Tendenz im Kapitalismus.

Aus der Tiefe rufe ich zu Dir: Gotteserfahrung und Teufelsküche. Haus für Kunst Uri. Bis 23. November 2014.uri

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